KURZFASSUNG
Der H145-XR-Simulator steht nicht für eine Technologie, die alle anderen Trainingsgeräte ablöst. Er zeigt, wie unterschiedliche Medien zu einem abgestimmten Training Ecosystem verbunden werden können.
XR übernimmt die Aufgaben, für die immersive Außenreferenzen, reale Cockpit-Interaktion und flexible virtuelle Szenarien besonders wertvoll sind. Full Flight Simulatoren bleiben für umfassende Trainingsanforderungen relevant. FTDs, FNPTs und weitere Medien ergänzen die Ausbildung an anderen Stellen.
Der entscheidende Schritt liegt deshalb nicht in der Entscheidung für XR allein. Er liegt in der Frage, wie ein Trainingsprogramm aufgebaut sein muss, damit jedes Gerät dort eingesetzt wird, wo es den größten Lernwert schafft. Diesen Ansatz verfolgt REISER im Pilot Training.
Der H145-XR-Simulator von REISER macht diesen Ansatz praktisch sichtbar: Eine neue Technologie wird nicht isoliert eingeführt, sondern gemeinsam mit Auftraggeber, Betreiber und Behörde in einen qualifizierten Trainingsbetrieb überführt. Aus einer technischen Innovation wird so eine Trainingslösung, die sich an ihrem täglichen Nutzen messen lassen muss.
Ausgangslage: ein neuer Simulator im Trainingsalltag
Der H145-XR-Simulator von REISER ist ein als FTD Level 3 nach EASA CS-FSTD(H) qualifiziertes Trainingsgerät. Er verbindet ein physisches H145-Cockpit mit einer immersiven virtuellen Außenwelt in einem Head-Mounted Display. Lufthansa Aviation Training betreibt das System am Standort Frankfurt.
Ein neuer Simulator ist erst dann eine gute Trainingslösung, wenn er mehr kann, als technisch zu funktionieren. Er muss sich in bestehende Abläufe einfügen, von Crews und Instruktoren akzeptiert werden und im täglichen Betrieb zuverlässig das leisten, wofür er entwickelt wurde.
Der H145-XR-Simulator von REISER verbindet ein physisches Hubschrauber-Cockpit mit einer immersiven virtuellen Außenwelt. Lufthansa Aviation Training betreibt das System am Standort Frankfurt. Im Juli 2026 ging es in Betrieb - nach einer Entwicklungs- und Qualifikationsphase, in der REISER, die DRF Akademie, Lufthansa Aviation Training und das Luftfahrt-Bundesamt unterschiedliche Perspektiven zusammenbrachten.
„Die Frage ist nicht mehr: XR oder Full Flight Simulator? Die wichtigere Frage lautet: Welche Kombination der Trainingsgeräte führt zum gewünschten Lernergebnis?“
Jens Jährling, Lufthansa Aviation Training
Vom Entwicklungsprojekt zum Trainingsbetrieb
Das Projekt wurde zunächst von REISER und der DRF Akademie vorangetrieben. Lufthansa Aviation Training brachte seine Erfahrung als Trainingsorganisation und Simulatorbetreiber früh in die Entwicklung ein und übernahm später den Betrieb des Geräts im Auftrag der DRF Akademie.
Damit veränderte sich auch die Perspektive auf das System. Während in der Entwicklung technische Umsetzung und Qualifikation im Mittelpunkt standen, rückten mit dem Übergang in den Betrieb andere Fragen in den Vordergrund: Wie schnell lässt sich das Gerät für die nächste Crew vorbereiten? Wie intuitiv ist die Bedienung? Wie gut lässt sich der Simulator in bestehende Trainingsabläufe integrieren? Und wie zuverlässig funktioniert er über viele Trainingstage hinweg?
Die Qualifikation als FTD Level 3 erfolgte nach EASA CS-FSTD(H) und den für die XR-Visualisierung erforderlichen besonderen Nachweisbedingungen. Technische Entwicklung, operative Vorbereitung und regulatorische Abstimmung mussten deshalb eng zusammenlaufen. Der Austausch mit dem Luftfahrt-Bundesamt war ein wichtiger Teil dieses Prozesses.
Das Lernziel bestimmt das Trainingsgerät
Für Jens Jährling markiert das Projekt einen Wandel im Aviation Training. Die Auswahl des Trainingsgeräts sollte nicht am verfügbaren Gerät beginnen. Am Anfang steht die Frage, welche Kompetenz trainiert werden soll.
Dieser Ansatz lässt sich als Task-to-Tool beschreiben: Die Trainingsaufgabe bestimmt das passende Medium. Ein XR-Simulator kann dort seine Stärken ausspielen, wo reale Cockpit-Interaktion und eine flexible virtuelle Umgebung zusammenkommen. Ein Full Flight Simulator bleibt für Trainingsaufgaben relevant, die eine umfassende Kombination aus Bewegung, Systemdarstellung und Flugverhalten verlangen. FTDs, FNPTs und weitere Trainingsgeräte übernehmen andere Lernschritte. Wie REISER diese Auswahl strukturiert, beschreibt die Tech Story Aviation Training: Wenn das Lernziel das Trainingsgerät bestimmt.
„Wir sollten mit der Kompetenz beginnen, die entwickelt werden soll, die erforderliche Fidelity definieren und dann das geeignetste Trainingsgerät auswählen.“
Jens Jährling, Lufthansa Aviation Training
Diese Logik findet sich auch in EASA CS-FSTD Issue 1 wieder. Der neue regulatorische Rahmen beschreibt Simulatoren stärker über konkrete Fähigkeiten und deren Ausprägung. Für Betreiber und Hersteller bedeutet das: Trainingsziele, Gerätefähigkeiten und Qualifikationsnachweise müssen früher und genauer zusammengedacht werden.
XR für visuelle Referenzen im H145-Training
Der H145-XR-Simulator kombiniert ein reales Cockpit mit einem Head-Mounted Display. Die Pilotinnen und Piloten arbeiten an physischen Bedienelementen und erleben gleichzeitig eine virtuelle Umgebung, die sich an das jeweilige Trainingsszenario anpassen lässt.
Gerade im Hubschraubertraining ist die Sicht nach außen ein wesentlicher Teil der Aufgabe. Abstand zum Boden, Höhe, Bewegungen und räumliche Orientierung werden nicht nur über Instrumente, sondern auch über visuelle Referenzen erfasst. Jährling hebt deshalb insbesondere das Sichtfeld, die Bildqualität sowie die Wahrnehmung von Distanz und Höhe hervor.
Klassische Projektionssysteme stoßen bei sehr großen und detaillierten Sichtbereichen an physische Grenzen. XR kann diese Grenzen in bestimmten Trainingssituationen verschieben - vor allem dort, wo Außenreferenzen und räumliche Wahrnehmung eine zentrale Rolle spielen.
Das bedeutet nicht, dass XR den Full Flight Simulator ersetzt. Die Geräte erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Der H145-XR-Simulator ergänzt das Trainingsportfolio dort, wo immersive Sicht, reale Cockpit-Interaktion und flexible virtuelle Szenarien einen besonderen Mehrwert bieten.
Alltagstauglichkeit entscheidet über den Nutzen
Im täglichen Betrieb zeigt sich, ob aus einer technischen Innovation ein belastbares Trainingsgerät wird. Die ersten Erfahrungen bei Lufthansa Aviation Training sind positiv: Die Kalibrierung lässt sich vergleichsweise unkompliziert durchführen. Die Akzeptanz der Headsets ist hoch, und die Eingewöhnung der Nutzerinnen und Nutzer verläuft schnell.
Auch scheinbar kleine Details beeinflussen den Trainingserfolg. Ein Headset muss sich auf unterschiedliche Personen einstellen lassen. Für Brillenträger braucht es eine praktikable Lösung. Bei einem professionellen Trainingsgerät wechseln Crews und Kurse regelmäßig. Bedienbarkeit, Robustheit und ein schneller Wechsel zwischen den Nutzerinnen und Nutzern gehören deshalb ebenso zur Trainingsqualität wie Auflösung und Sichtfeld.
Jährling hatte vor Projektbeginn mit einem höheren Aufwand im täglichen Umgang mit den Headsets gerechnet. Die bisherigen Erfahrungen zeigen ein anderes Bild. Die Kalibrierung ist handhabbar, die Nutzerakzeptanz gut und die Eingewöhnungszeit kurz. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die bei neuen Technologien oft unterschätzt wird: Wie gut funktioniert das System nicht bei der ersten Demonstration, sondern im wiederkehrenden Betrieb?
Die Infrastruktur ist Teil der Lösung
Ein XR-System kann nicht losgelöst von seinem Standort geplant werden. Raumgeometrie, verfügbare Fläche, Klimatisierung, Fluchtwege und IT-Anbindung beeinflussen, wie zuverlässig es betrieben werden kann.
Diese Punkte waren deshalb nicht nachgelagerte Installationsthemen, sondern Teil der Trainingslösung. Die Umgebung muss so vorbereitet sein, dass das Gerät sicher, stabil und ohne unnötige Unterbrechungen genutzt werden kann. Gleichzeitig muss der Simulator in die vorhandene Trainingsorganisation passen.
Diese Erfahrung ist auch für eine spätere Skalierung relevant. Wenn XR-Systeme an weiteren Standorten eingesetzt werden, reicht es nicht, nur die Hardware zu vervielfältigen. Auch räumliche, technische und organisatorische Voraussetzungen müssen reproduzierbar geplant werden.
Qualifikation und Betrieb gemeinsam denken
In einer sicherheitskritischen Branche können technische Entwicklung und regulatorische Qualifikation nicht als getrennte Arbeitsströme behandelt werden. Sie müssen sich gemeinsam weiterentwickeln.
„In einer sicherheitskritischen Branche dürfen Fortschritt und Compliance nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Sie müssen sich gemeinsam weiterentwickeln.“
Jens Jährling, Lufthansa Aviation Training
Der frühe Dialog mit dem Luftfahrt-Bundesamt half dabei, Anforderungen, technische Umsetzung und Nachweisführung Schritt für Schritt zusammenzubringen. Für eine neue Technologie wie Mixed Reality ist das besonders relevant: Die Lösung muss nicht nur technisch funktionieren, sondern auch einen nachvollziehbaren Qualifikationsweg haben.
Mit der Inbetriebnahme endet diese Verantwortung nicht. Hersteller, Betreiber und Nutzer sammeln im täglichen Betrieb weitere Erfahrungen. Sie beobachten, wie Instruktoren und Crews mit dem System arbeiten, welche Abläufe sich bewähren und wo Anpassungen notwendig werden. Qualifikation und operative Qualität bleiben gemeinsame Aufgaben.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
Lufthansa Aviation Training betreibt den H145-XR-Simulator von REISER seit Juli 2026 in Frankfurt, im Auftrag der DRF Akademie. Das Gerät ist als FTD Level 3 nach EASA CS-FSTD(H) qualifiziert.
Das Lernziel bestimmt das Trainingsgerät, nicht umgekehrt: mit der Kompetenz beginnen, die erforderliche Fidelity definieren, dann das geeignetste Gerät auswählen (Task-to-Tool).
XR spielt seine Stärken dort aus, wo reale Cockpit-Interaktion, immersive Außenreferenzen und flexible virtuelle Szenarien zusammenkommen. Es ergänzt den Full Flight Simulator, statt ihn zu ersetzen.
Alltagstauglichkeit und Infrastruktur entscheiden, ob aus einer Innovation ein belastbares Trainingsgerät wird: Kalibrierung, Akzeptanz der Headsets, Wechsel zwischen Nutzern, Raum, Klima und IT.