Expertenbeitrag von Sylvain Rid, Head of Business Line Maintenance Training & Components (REISER), nach seinem Vortrag auf dem REISER Partnertag
Maintenance Training ist das praktische Training von Wartungs-, Diagnose-, Einbau- und Prüfprozessen in einer realitätsnahen Trainingsumgebung. Synthetische Trainingsmedien wie ein Maintenance Training Rig bilden die Teile des Luftfahrzeugs ab, an denen regelmäßig, sicher und wiederholbar trainiert werden muss, und entlasten damit das Originalflugzeug.
„Mehr Training, mehr Wartungsfachkräfte - das führt zu mehr Einsatzbereitschaft.“ Mit diesem Satz hat Sylvain Rid seinen Vortrag auf dem REISER Partnertag überschrieben. Bei REISER ist er Ansprechpartner für Maintenance Training und Simulationskomponenten. Wartungstraining beschreibt er als einen Bereich, der im Hintergrund arbeitet und doch entscheidend dafür ist, ob eine Flotte verfügbar bleibt.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
Ein Luftfahrzeug ist nur einsatzbereit, wenn die Menschen dahinter Wartungs-, Diagnose- und Prüfprozesse beherrschen. Diese Abläufe lassen sich nicht aus Handbüchern allein lernen, Wiederholung ist Teil des Lernprozesses.
Das Originalflugzeug steht für das Training nur in begrenzten Zeitfenstern zur Verfügung. Synthetische Trainingsmedien schaffen Zugang, Wiederholbarkeit und planbare Trainingszeiten.
Das Trainingsmedium folgt der Aufgabe: Welche Komponenten zugänglich sein müssen und welche Arbeitsschritte trainiert werden, entscheidet über Part Task Trainer, Maintenance Training Rig oder digitale Werkzeuge.
Das REISER Maintenance Training Rig bildet relevante Strukturen, Komponenten und Schnittstellen als 1:1-Replik ab und reduziert den Einsatz des Originalflugzeugs in der Ausbildung signifikant.
Einsatzbereitschaft beginnt nicht erst am Flugplatz
Ein Flugzeug oder Hubschrauber ist nicht allein deshalb einsatzbereit, weil seine Systeme funktionieren. Die Menschen dahinter müssen wissen, was zu tun ist: Komponenten ausbauen und einbauen, Fehler eingrenzen, Einstellungen vornehmen, Systemzustände prüfen und Arbeitsschritte nachvollziehbar dokumentieren. Eine Maschine, die nicht gewartet wird, kann nicht fliegen.
Diese Abläufe lassen sich nicht ausschließlich aus Handbüchern lernen. Wartungsfachkräfte müssen Zugänge kennen, Werkzeuge richtig einsetzen und verstehen, wie die Systeme funktionieren und zusammenspielen. Wiederholung ist dabei kein Zusatz, sondern Teil des Lernprozesses.
Genau hier setzt Maintenance Training an. Es schafft eine Umgebung, in der praktische Wartungs-, Diagnose-, Einbau- und Prüfprozesse realitätsnah und wiederholbar trainiert werden können - auch dann, wenn das Originalflugzeug gerade im operativen Betrieb gebraucht wird.
Wenn das Original nicht jederzeit verfügbar ist
Das reale Luftfahrzeug bleibt für Ausbildung und Qualifikation wichtig. Die Realität zeigt aber, dass es nicht immer für das Training bereitsteht: Es wird eingesetzt und gewartet und steht damit nur in begrenzten Zeitfenstern für das Maintenance Training zur Verfügung.
Für die Ausbildung entsteht dadurch eine praktische Frage: Wie kann Training stattfinden, ohne den Betrieb unnötig zu unterbrechen oder zu gefährden, zum Beispiel durch Beschädigungen während des Trainings?
Synthetische Trainingsmedien bilden genau die Teile des Systems ab, an denen regelmäßig, sicher und kontrolliert trainiert werden muss. So können praktische Abläufe wiederholt werden, ohne das reale Luftfahrzeug zu beschädigen, ohne Zeitdruck, weil das Luftfahrzeug wieder in den Flugbetrieb muss, und zu geringeren Kosten im Vergleich zum Original.
Die Aufgabe kommt vor dem Trainingsgerät
Muss eine einzelne Komponente zugänglich und austauschbar sein, kann ein Part Task Trainer oder eine replizierte Baugruppe ausreichen. Geht es um komplexe mechanische Abläufe, kann ein Maintenance Training Rig sinnvoll sein. Für Avioniktraining kommen funktionale Anzeigen, Systemzustände und definierte Fehlersituationen hinzu. Digitale Werkzeuge können Vorbereitung, Systemwissen und Wissenstests ergänzen.
Entscheidend sind Fragen wie:
Welche Komponenten müssen zugänglich sein?
Welche Arbeitsschritte sollen durchgeführt werden?
Welche Schnittstellen spielen eine Rolle?
Welche Systemzustände und Fehlerbilder müssen abgebildet werden?
Welche Teile der Aufgabe müssen praktisch, welche digital trainiert werden?
Das Trainingsmedium folgt der Aufgabe - nicht umgekehrt.
Trainingsmedien im Maintenance Training
Part Task Trainer, replizierte Baugruppe
Eine einzelne Komponente muss zugänglich und austauschbar sein.
Maintenance Training Rig
Komplexe mechanische Abläufe an relevanten Strukturen, Komponenten und Schnittstellen als 1:1-Replik; mit funktionalem Cockpit auch Avioniktraining.
Avioniktraining
Funktionale Anzeigen, Systemzustände und definierte Fehlersituationen.
Digitale Werkzeuge
Ergänzen Vorbereitung, Systemwissen und Wissenstests.
Vom realen System zum Trainingsgerät
Bei REISER beginnt die Entwicklung eines Ausbildungsgerätes mit dem realen System und der konkreten Trainingsanforderung. Präzise und vollständige technische Daten bilden dabei die wichtigste Grundlage. REISER verfügt über die Kompetenzen, diese Daten selbstständig zu erfassen, anhand von 3D-Scans, Fotos, Videos und technischen Messdaten. Natürlich können Daten der Originalhersteller verwendet werden, sofern diese vorliegen.
Dabei geht es nicht nur um äußere Abmessungen. Auch Gewicht, Schwerpunkt, Material, Markierungen und Schnittstellen können für das Training entscheidend sein. Ebenso wichtig ist, dass das Verhalten und die Funktion der Systeme korrekt nachgestellt werden: Eine Anzeige muss nach einem Arbeitsschritt so reagieren, wie es im Original der Fall ist. Eine Komponente muss nicht nur richtig aussehen, sondern auch richtig zugänglich und bedienbar sein.
Aus den gewonnenen Daten entstehen einzelne Bauteile, Baugruppen und Gesamtsysteme des Trainingsgerätes im CAD. Noch vor der Fertigung wird die Trainingsaufgabe virtuell überprüft: Sind die relevanten Komponenten vorhanden? Sind die Schnittstellen korrekt? Lassen sich die vorgesehenen Arbeitsschritte vollständig durchführen?
Erst nach erfolgreicher Prüfung wird die Hardware gefertigt, integriert und getestet. Datenerfassung, Engineering, Fertigung und Qualitätssicherung greifen dabei ineinander. Wie diese Schritte zusammenspielen, zeigt das REISER Kompetenzmodell.
Realismus zeigt sich in den Details
Ein Trainingssystem muss nicht jedes Detail des Originalflugzeugs gleich stark abbilden. Es muss die Details zuverlässig wiedergeben, die für die jeweilige Aufgabe erforderlich sind. Vereinfachungen sind dort möglich, wo sie das Training nicht beeinflussen. So entsteht ein Trainingsgerät, das den Fokus auf den Trainingsinhalt legt und dabei Kosteneffizienz berücksichtigt.
Das Maintenance Training Rig reduziert den Einsatz des Originals in der Ausbildung
Das REISER Maintenance Training Rig (MTR) bildet als 1:1-Replik relevante Strukturen, Komponenten und Schnittstellen des jeweiligen Luftfahrzeugs realitätsnah ab. Je nach Plattform und Trainingsziel lassen sich unter anderem der Ein- und Ausbau von Komponenten, Einstellarbeiten, Fehlersuche und funktionale Prüfungen trainieren. Durch das sogenannte funktionale Cockpit, bestehend aus einem voll funktionsfähigen Simulationscockpit und einer Software, die das Verhalten der Avionik in relevanten Teilen und Detailgrad abbildet, wird die Funktionalität des Rigs auch für die Ausbildung von Avionikern erweitert.
Das NH90 Maintenance Training Rig zeigt diesen Ansatz beispielhaft. Eine 1:1-Umgebung verbindet mechanische Trainingsinhalte mit elektrischen und avionischen Systemen.
Ein Großteil der Ausbildung kann damit am Maintenance Training Rig durchgeführt werden und reduziert den Einsatz des Originalflugzeugs signifikant. Dennoch bleibt das Originalflugzeug dort wichtig, wo reale Betriebsbedingungen, tatsächliche Einsatzsituationen oder spezifische Prüfungen in der Simulation zu aufwändig oder zu teuer wären. So ergänzen sich Originalflugzeug und synthetische Trainingsumgebung. Das eine bietet reale Betriebsbedingungen. Das andere schafft Zugang, Wiederholbarkeit und planbare Trainingszeiten. Zusammen entsteht eine Ausbildung, die näher an der tatsächlichen Arbeit liegt und den operativen Betrieb weniger belastet.
Training, das mit dem Original-System mitwachsen kann
Luftfahrzeuge bleiben nicht unverändert. Avionik wird aktualisiert, Komponenten werden weiterentwickelt. Auch die Trainingsumgebung muss deshalb anpassbar bleiben, um mit dem Original Schritt zu halten.
Da das Maintenance Training Rig das Original in seiner mechanischen Struktur 1:1 nachbildet, sind grundsätzlich alle Anpassungen am Original auf das Rig übertragbar. Auch im Bereich der Software ist eine Anpassung möglich.
Damit bleibt Maintenance Training nicht bei einer Momentaufnahme stehen. Es begleitet das System über seine Nutzungsdauer hinweg.
Eine einfache Formel mit konkreter Konsequenz
„Mehr Training, mehr Wartungsfachkräfte - das führt zu mehr Einsatzbereitschaft.“ In diesem Gedanken steckt mehr als ein Vortragstitel. Er beschreibt den Zusammenhang zwischen praktischer Ausbildung und der Verfügbarkeit einer Flotte.
Wartung passiert nicht erst, wenn ein Problem auftritt. Sie beginnt früher: mit dem Zugang zu realistischem Training, mit Zeit für Wiederholung und mit einer Umgebung, in der technische Abläufe sicher erlernt werden können. Eine sichere Luftfahrt braucht für die Wartung hochqualifiziertes Personal mit Hands-on-Erfahrung.
Für Sylvain Rid ist Maintenance Training deshalb kein Nebenthema im Schatten der Einsatzbereitschaft von Luftfahrzeugen. Es ist eine wichtige Säule, auf der diese aufbaut.
FAQ: Maintenance Training
Was ist Maintenance Training?
Maintenance Training ist das praktische Training von Wartungs-, Diagnose-, Einbau- und Prüfprozessen in einer realitätsnahen Trainingsumgebung.
Warum reicht Training am Originalflugzeug oft nicht aus?
Das Originalflugzeug wird im operativen Betrieb benötigt, ist nur sehr begrenzt verfügbar und wird deshalb nur so wenig wie nötig im Maintenance Training eingesetzt. Um Mechaniker und Avioniker bestmöglich auf das Arbeiten am Original vorzubereiten, muss Hands-on-Training in ausreichendem Umfang möglich sein. Ein synthetisches Trainingsmedium ersetzt das Original dort, wo praktische Aufgaben regelmäßig und kontrolliert trainiert werden müssen, und erhöht damit die verfügbare Trainingszeit signifikant.
Was kann an einem Maintenance Training Rig trainiert werden?
Abhängig von Plattform und Konfiguration können unter anderem der Ein- und Ausbau von Komponenten, Einstellarbeiten, Fehlersuche und funktionale Prüfungen im Bereich Mechanik und Avionik trainiert werden.
Wie beginnt ein Maintenance-Training-Projekt?
Es beginnt mit dem Trainingsziel, der Plattform, den relevanten Baugruppen und den benötigten Systemzuständen. Danach werden die Daten erfasst, auf deren Basis die Entwicklung des Maintenance Training Rigs starten kann.