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23. August 2026 Lesezeit ca. 10 Min. Portraits

Wolfgang Reiser über Mut, Krisen und die Entwicklung von REISER – vom Start im eigenen Zuhause bis zum Full-Flight-Simulator

Wolfgang Reiser, Gründer von Reiser Simulation and Training

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Eine Gründungsgeschichte von Wolfgang Reiser

Ein neuer Nachbar. Ein kurzer Austausch am Gartenzaun. Und ein Koffer voller Elektronik. Mehr brauchte es zunächst nicht für den nächsten großen Schritt.

„Das können wir machen“, sagte Wolfgang Reiser, als sein Nachbar von einem speziellen Gehäuse erzählte, das er für ein neues Vorhaben benötigte. Wenige Tage später stand der Mann mit einem Koffer vor der Tür. Darin lag die Elektronik. REISER baute das Gehäuse.

Aus diesem Auftrag entstand ein Kontakt in das Umfeld von Eurocopter, heute Airbus. Und aus diesem Kontakt der Einstieg in eine Welt, die für eine kleine Firma damals kaum erreichbar schien: die Luftfahrt.

Normalerweise, sagt Wolfgang Reiser rückblickend, kam man als kleiner Zulieferer bei einem großen Luftfahrthersteller höchstens bis zum Empfang. REISER landete direkt in der Entwicklungsabteilung.

Der Koffer war ein Zufall. Die Lösung, die daraus entstand, war es nicht.

1988

Start in die Selbstständigkeit, zu Hause

1

Kunde am Anfang: die Lasertechnik

7

Mitarbeiter, bevor das Zuhause zu klein wurde

200+

Mitarbeiter nach dem Hubschrauber-Projekt, aus rund 40

Am Anfang stand eine Entscheidung

Bevor REISER Gehäuse für Luftfahrtsysteme baute, bevor es um Cockpits, Trainingsgeräte oder Full-Flight-Simulatoren ging, stand eine deutlich persönlichere Frage im Raum: Soll man einen sicheren Staatsdienst aufgeben, wenn man zu Hause gerade gebaut hat, verheiratet ist und drei kleine Kinder hat?

Wolfgang Reiser entschied sich dafür.

„Einen sicheren Staatsdienst gegen eine unsichere Selbstständigkeit einzutauschen, ist natürlich schwer.“

Wolfgang Reiser

Vor ihm lag kein fertiger Businessplan mit großem Team und etabliertem Industrienetzwerk. Er war im industriellen Bereich nicht verwurzelt. Einen festen Kundenstamm gab es nicht.

Es gab zunächst genau einen Kunden: die Lasertechnik. 1988 begann die Selbstständigkeit – zu Hause.

Sieben Mitarbeiter und ein zu kleines Zuhause

Die Lasertechnik wuchs damals stark. Das half beim Start. Die ersten Aufträge kamen, die ersten Mitarbeiter auch. Aus zwei wurden drei, dann vier, fünf, sechs, sieben. Irgendwann war das Zuhause zu klein.

Die Chance, eine Liegenschaft zu kaufen, brachte die junge Firma in die nächste Phase. Dort wurde aus der Arbeit im eigenen Haus ein richtiges Unternehmen. REISER arbeitete weiterhin speziell für die Lasertechnik und baute sich Schritt für Schritt eine industrielle Grundlage auf.

Es war kein spektakulärer Gründungsmoment mit Sekt und Pressefoto. Eher eine Folge kleiner Entscheidungen: einen Auftrag annehmen, einen Mitarbeiter einstellen, mehr Platz schaffen, die nächste Aufgabe lösen.

Dann kam die erste große Krise.

1994: Als die Laserbranche einbricht

1994 geriet die Laserbranche massiv unter Druck. Der Markt brach ein – und mit ihm das Geschäft von REISER. Für ein junges Unternehmen war das existenziell. Kurz nach dem Start stand bereits die Frage im Raum, ob es überhaupt weitergehen konnte.

Die Rettung kam aus einer Richtung, mit der zunächst niemand gerechnet hatte. Wolfgang Reiser lernte einen Entwickler kennen, der Anlagen für die Chemieindustrie konstruierte. Dieser suchte jemanden, der die Maschinen bauen konnte. REISER sagte zu.

Damit wechselte das Unternehmen vom Elektronik- und Elektrikbereich in den Maschinenbau. Es baute die Maschinen nach den Unterlagen des Entwicklers und entwickelte die passende Steuerung dazu. „So sind wir das erste Mal wieder richtig ins Leben zurückgekommen“, erinnert sich Wolfgang Reiser.

Die Lasertechnik lief parallel weiter. Als sich der Markt wieder erholte, hatte REISER etwas gewonnen, das über den konkreten Auftrag hinausging: neue Erfahrung im Maschinenbau und die Fähigkeit, Elektronik, Steuerung und Maschine als Gesamtsystem zu denken.

Preisdruck nimmt den Raum zum Denken

Es folgte eine Phase mit extremem Preisdruck. Zulieferer wurden so stark gedrückt, dass für viele kaum etwas übrig blieb. Wolfgang Reiser beschreibt die Situation mit einem Satz, der auch Jahrzehnte später nichts von seiner Schärfe verloren hat:

„Die Preise waren zum Sterben zu hoch, aber zum Leben zu niedrig.“

Wolfgang Reiser

Das Problem war nicht nur, dass die Rechnung wirtschaftlich immer schwieriger aufging. Preisdruck nimmt auch den Raum zum Denken.

Wer nur noch abarbeitet, entwickelt nicht automatisch die nächste Lösung. Für neue Ideen, technische Verbesserungen und eigene Entwicklungen fehlt dann oft genau das, was am dringendsten gebraucht wird: Zeit, Geld und Luft.

Auch diese Phase ging vorbei. Und wieder kam der nächste Schritt nicht aus einer perfekt vorbereiteten Strategie, sondern aus einer Begegnung.

Der Nachbar mit dem Koffer

Der neue Nachbar von Wolfgang Reiser hatte gemeinsam mit einem Partner etwas Neues begonnen. Dafür brauchte er ein spezielles Gehäuse. Ein Gehäuse. Nicht gerade der Auftrag, aus dem man eine große Unternehmensgeschichte erwarten würde.

Doch wenige Tage später lag die Elektronik im Koffer auf dem Tisch. REISER baute das Gehäuse – und bekam dadurch Zugang zu einem neuen Umfeld.

Bei Eurocopter, heute Airbus, gab es damals ein technisches Problem: In vielen Cockpits befanden sich analoge Anzeigen, Instrumente und Bedienpanels. Die Verbindung zu Rechnern war schwierig. Zahlreiche Komponenten waren defekt und konnten nicht einfach ersetzt werden.

Für REISER war das keine völlig fremde Welt.

Was alte Flugsimulatoren mit neuen Lösungen zu tun haben

Vor seiner Selbstständigkeit hatte Wolfgang Reiser bei der Bundeswehr Flugsimulatoren gewartet. Das waren noch Systeme aus einer anderen technischen Zeit: analoge Rechner, Potentiometer, Röhrentechnik und teilweise mechanische Rechenwerke. Manche Systeme rechneten im wahrsten Sinne des Wortes mit Zahnrädern.

Diese Erfahrung wurde nun wertvoll. Wolfgang Reiser kannte die Logik älterer Systeme. Er wusste, warum bestimmte Bauteile ausfielen, weshalb Ersatzteile schwer zu finden waren und welche Grenzen in der alten Technik steckten. Gleichzeitig konnte REISER neue elektronische Lösungen entwickeln.

Die Vergangenheit war kein Umweg. Sie wurde zum Werkzeugkasten für die Zukunft.

Vom Kabelbündel zum Bussystem

Ein Beispiel zeigt, wie konkret dieser Übergang aussah.

Früher

Von jedem Schalter führte eine eigene Leitung weg. Ein einzelnes Cockpit konnte dadurch riesige Kabelbündel benötigen. Die Systeme waren aufwendig, teuer und anfällig.

Mit REISER

Mikrocontroller und Bussysteme. Nicht mehr jedes Signal braucht seine eigene Leitung. Die Systeme sind vernetzt, einfacher aufgebaut und flexibler weiterzuentwickeln.

Aus einem Problem mit analoger Technik wurde eine neue Systemarchitektur.

So entstanden Schritt für Schritt weitere Aufgaben: Geräte, Cockpits, Trainingssysteme und Projekte im Umfeld des Eurofighters.

REISER Techniker verkabelt die Elektronik eines Simulators in der Produktion

Elektronik-Aufbau bei REISER heute. Aus der Frage, wie viele Leitungen ein Cockpit wirklich braucht, wurde eine eigene Systemarchitektur.

Wenn ein fertiges Projekt nicht zum Ziel führt

Doch auch in der Luftfahrt verlief der Weg nicht geradeaus. REISER arbeitete an einem großen Projekt und war fertig, als das zugrunde liegende Flugzeugprogramm gestoppt wurde. Die Arbeit war geleistet. Das Programm endete trotzdem.

Für das Unternehmen war das ein harter Einschnitt. Forderungen mussten abgeschrieben werden, und REISER musste sich neu orientieren.

Dann entstand im Eurofighter-Umfeld ein anderer Bedarf: Trainingslösungen. Unterschiedliche Anforderungen, die zunächst nicht zusammenpassten, sollten in einem funktionierenden System zusammengeführt werden. REISER entwickelte diese Lösung. Sie blieb im Zeitrahmen und erfüllte die Anforderungen.

Das war ein wichtiger Schritt. Nicht, weil damit plötzlich alle Unsicherheiten verschwunden waren. Sondern weil sich zeigte, dass REISER auch dann handlungsfähig blieb, wenn ein Projekt abgebrochen wurde und der ursprüngliche Plan nicht mehr galt.

Durchhalten bedeutete in diesem Moment nicht, am alten Projekt festzuhalten. Es bedeutete, die eigene Erfahrung in eine neue Aufgabe zu übersetzen.

Von 40 auf über 200 Mitarbeiter

Die nächste große Aufgabe führte in den Hubschrauberbereich. Dort ging es um Trainingssysteme für Wartung und Technik. Am Anfang stand eine umfassende Studie. Daraus entwickelte sich ein großes Projekt – und für REISER ein Wachstumsschub, der alles veränderte.

Das Unternehmen wuchs von rund 40 auf mehr als 200 Mitarbeiter.

Das klingt in einer Zahl schnell erzählt. In der Realität bedeutete es: Menschen finden. Arbeitsplätze schaffen. Strukturen aufbauen. Zuständigkeiten klären. Technische Entwicklung, Fertigung, Projektarbeit und Organisation miteinander verbinden.

Aus der kleinen Firma mit den ersten Aufträgen wurde eine Organisation, die komplexe Systeme entwickeln und umsetzen konnte. Wachstum war damit nicht mehr nur eine Frage von Größe. Es wurde eine Frage von Zusammenarbeit.

REISER Team in der Montagehalle

Aus der Firma im eigenen Zuhause wurde eine Organisation, die komplexe Systeme entwickelt und baut.

2007: Aus vielen Wegen wird eine Richtung

2007 fiel eine klare Entscheidung: REISER gab die Lasertechnik vollständig auf. Seitdem konzentriert sich das Unternehmen auf Luftfahrt, Simulation und Training.

Rückblickend wirkt diese Entscheidung logisch. In ihr liefen viele Erfahrungen zusammen: Elektronik, Maschinenbau, Fertigung, Wartung, Systemintegration und der Umgang mit alten, nicht mehr verfügbaren Komponenten.

Doch logisch war sie vor allem im Rückblick. Entstanden war diese Richtung aus Krisen, Zufällen und Aufgaben, die zunächst gar nicht zum ursprünglichen Geschäft gehört hatten.

REISER begann schließlich auch, komplette Simulatoren zu bauen. Ein Meilenstein war ein Full-Flight-Simulator. Viele Dinge mussten dafür selbst entwickelt und zusammengeführt werden. Wolfgang Reiser beschreibt das Projekt als Abenteuer. Am Ende wurde das System zugelassen.

Kein Masterplan. Ein Muster.

Wenn Wolfgang Reiser die Geschichte von REISER erzählt, spricht er nicht von einem geradlinigen Plan.

Er erzählt von einer Entscheidung gegen die Sicherheit. Von einem Kunden. Von sieben Mitarbeitern im eigenen Zuhause. Von einem Markt, der einbrach. Von Maschinen für die Chemieindustrie. Von Preisen, die weder zum Sterben noch zum Leben reichten. Von einem Nachbarn mit einem Koffer. Von analogen Rechnern, großen Kabelbündeln und neuen Bussystemen. Von einem gestoppten Projekt und einer neuen Trainingslösung.

Das klingt zunächst nach Zufall. Aber zwischen diesen Wendepunkten zeigt sich ein klares Muster: REISER hat vorhandenes Wissen immer wieder auf neue Aufgaben übertragen. Nicht jede neue Richtung war geplant. Aber jede wurde ernst genommen.

Die Frage war nicht immer: Was war ursprünglich vorgesehen? Oft war sie eher: Was können wir jetzt lösen?

„Du musst immer entscheiden, ob du weitermachst. Und wir haben immer weitergemacht.“

Wolfgang Reiser

Heute arbeitet REISER in den Bereichen Simulation, Training und Software. Die Grundlage dafür entstand jedoch viel früher – in einer kleinen Firma, die zu Hause begann, in schwierigen Jahren, in technischen Umwegen und in der Bereitschaft, nach jedem Rückschlag wieder nach dem nächsten machbaren Schritt zu suchen.

Nicht der gerade Weg hat REISER geprägt. Sondern die Entscheidung, weiterzugehen.

Zur Person

Rolle

Gründer von Reiser Simulation and Training

Selbstständig seit

1988

Davor

Wartung von Flugsimulatoren bei der Bundeswehr

Heutiger Fokus des Unternehmens

Luftfahrt, Simulation und Training

Der Weg in Stationen

1988

Der Start zu Hause

Wolfgang Reiser gibt den Staatsdienst auf und macht sich selbstständig. Ein Kunde: die Lasertechnik.

Frühe Jahre

Sieben Mitarbeiter, eigene Liegenschaft

Aus der Arbeit im eigenen Haus wird ein Unternehmen mit industrieller Grundlage.

1994

Die Laserbranche bricht ein

Der Wechsel in den Maschinenbau hält die Firma am Leben: Anlagen für die Chemieindustrie samt eigener Steuerung.

Danach

Jahre unter Preisdruck

Wirtschaftlich eng, und wenig Raum für eigene Entwicklung.

Der Koffer

Einstieg in die Luftfahrt

Ein Gehäuse für den Nachbarn öffnet den Zugang zum Umfeld von Eurocopter, heute Airbus.

Cockpit-Technik

Vom Kabelbündel zum Bussystem

Mikrocontroller und Bussysteme lösen die analoge Verdrahtung ab. Es folgen Geräte, Cockpits, Trainingssysteme und Projekte im Umfeld des Eurofighters.

Wachstum

Von 40 auf über 200 Mitarbeiter

Trainingssysteme für Wartung und Technik im Hubschrauberbereich verändern die Größe des Unternehmens.

2007

Eine Richtung

Die Lasertechnik wird aufgegeben, der Fokus liegt auf Luftfahrt, Simulation und Training. Später folgt ein Full-Flight-Simulator, der zugelassen wird.

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