Aviation Training:
Wenn das Lernziel das Trainingsgerät bestimmt

29. September 2026 Lesezeit ca. 7 Min. Tech Stories

Martin Keil, CTO bei REISER, über den Training Gap, veränderte Pilotenrollen und Mixed Reality als Teil eines vernetzten Training Ecosystems

Martin Keil, CTO von REISER, spricht vor Publikum über den Wandel vom aufgabenbasierten zum kompetenzbasierten Training

Martin Keil, Chief Technology Officer, REISER Simulation and Training

Das passende Trainingsmedium für Ihr Trainingsziel

REISER entwickelt Full Flight Simulatoren, Flight Training Devices und XR-Simulation. Sprechen Sie mit uns darüber, welche Kombination zu Ihren Trainingsaufgaben passt.

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Expertenbeitrag von Martin Keil, Chief Technology Officer (REISER)

Der Task-to-Tool-Ansatz im Aviation Training bedeutet, dass das Trainingsziel bestimmt, welches Trainingsgerät zum Einsatz kommt, und nicht umgekehrt. Full Flight Simulatoren, Mixed Reality, FTDs, FNPTs und digitale Medien übernehmen in einem vernetzten Training Ecosystem jeweils die Aufgaben, für die sie am besten geeignet sind.

„Happy and confident pilots“ - glückliche und selbstbewusste Piloten. Für Martin Keil beginnt mit diesem Ziel jede Diskussion über Aviation Training. Denn Sicherheit entsteht nicht erst im Cockpit. Sie entsteht vorher: in der Qualität der Ausbildung, in der Verfügbarkeit geeigneter Trainingsgeräte und in der Frage, ob das Training zu den Aufgaben passt, die Pilotinnen und Piloten später bewältigen müssen.

Als CTO von REISER beschäftigt sich Keil mit einer Branche, in der sich mehrere Dinge gleichzeitig verändern. Der Betrieb wird komplexer, Technologien entwickeln sich weiter, neue Generationen bringen andere Lerngewohnheiten mit - und die Nachfrage nach qualifizierten Pilotinnen und Piloten steigt. Die Trainingssysteme müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten.

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

Der Training Gap entsteht, weil der Trainingsbedarf steigt, während Full Flight Simulatoren und erfahrene Instruktorinnen und Instruktoren nur begrenzt verfügbar sind.

Competency-Based Training and Assessment (CBTA) bewertet nicht nur einzelne Manöver, sondern die Kompetenz, eine komplexe Situation sicher zu beherrschen.

Mixed Reality verbindet ein physisches Cockpit mit virtuellen Außenwelten und erhält so Haptik und Crew-Zusammenarbeit.

EASA CS-FSTD Issue 1 beschreibt Simulatoren über konkrete Fähigkeiten. Für neue Simulatoren wird diese Qualifikationslogik ab dem 30. April 2028 relevant.

Ein Training Gap zwischen Bedarf und Kapazität

Die Luftfahrt braucht mehr Training, gleichzeitig sind die klassischen Kapazitäten begrenzt. Full Flight Simulatoren sind für viele Trainingsaufgaben besonders leistungsfähig und qualifiziert. Sie sind jedoch teuer, aufwendig in der Infrastruktur und nicht beliebig schnell verfügbar. Auch erfahrene Instruktorinnen und Instruktoren sind eine knappe Ressource.

Rein virtuelle Lösungen sind leichter skalierbar und können Szenarien flexibel abbilden. Dafür fehlen ihnen je nach Ausprägung physische Interaktion, haptisches Feedback, realistische Crew-Zusammenarbeit oder ein belastbarer Qualifikationsrahmen. Keine der beiden Seiten schließt den Training Gap allein.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Geräte bereitzustellen. Entscheidend ist eine Trainingslandschaft, in der unterschiedliche Medien ihre jeweiligen Stärken ausspielen - ohne dass die Flugsicherheit dem Wunsch nach mehr Kapazität untergeordnet wird.

Der Pilotenberuf verändert sich

Ein Blick in die Cockpitgeschichte macht den Wandel sichtbar. Früher standen große Steuerelemente und die unmittelbare Bedienung des Flugzeugs im Mittelpunkt. Moderne Cockpits sind von Displays, Automatisierung, Daten und Systemmanagement geprägt. Die Aufgabe verschiebt sich: Pilotinnen und Piloten fliegen nicht weniger anspruchsvoll, aber sie müssen heute stärker den gesamten Flug überwachen, Systeme steuern, Informationen bewerten und Risiken managen.

Training muss diese Veränderung abbilden. Dazu kommen unterschiedliche Generationen mit verschiedenen Erwartungen an Lernen, Medien und Zusammenarbeit. Ein Training, das nur Wissen vermittelt oder einzelne Handgriffe isoliert abfragt, reicht für komplexe Situationen nicht immer aus. Gefragt ist eine Ausbildung, die technische Fähigkeiten mit Entscheidungsfähigkeit, Kommunikation und robustem Handeln unter Druck verbindet.

Von einzelnen Aufgaben zu echter Kompetenz

Lange Zeit folgte Training häufig einer task-basierten Logik: Wurde das Manöver korrekt durchgeführt? Wurde die Prozedur in der richtigen Reihenfolge abgearbeitet? Diese Fragen bleiben wichtig. Sie beantworten aber nicht vollständig, ob jemand eine komplexe Situation sicher beherrscht.

Competency-Based Training and Assessment setzt deshalb breiter an. Im Mittelpunkt steht nicht nur der einzelne Ablauf, sondern die Kompetenz dahinter: Kann eine Pilotin oder ein Pilot die Situation erfassen, Prioritäten setzen, Systeme angemessen nutzen, im Team kommunizieren und den Flug sicher weiterführen?

Damit verändert sich auch die Auswahl des Trainingsgeräts. Nicht das vorhandene Gerät sollte das Trainingsziel vorgeben. Das Trainingsziel sollte bestimmen, welches Medium sinnvoll ist. Dieser Gedanke lässt sich als Task-to-Tool-Ansatz zusammenfassen.

Mixed Reality verbindet zwei Welten

Mixed Reality kann dort ansetzen, wo klassische und rein virtuelle Lösungen jeweils an Grenzen stoßen. Ein physisches Cockpit stellt die Bedienelemente, Schalter und die Zusammenarbeit der Crew bereit. Ein Head-Mounted Display erweitert diese reale Umgebung um virtuelle Außenwelten und flexible Trainingsszenarien.

Beide Crewmitglieder können dabei ihre jeweilige Rolle im Cockpit wahrnehmen und miteinander interagieren. Der Pilot Flying sieht, was der Pilot Monitoring tut - und umgekehrt. Genau diese physische und soziale Dimension ist ein wesentlicher Unterschied zu einer rein virtuellen Umgebung, in der Bedienung und Crew-Zusammenarbeit häufig nur abstrahiert dargestellt werden.

Die zentrale Entwicklungsfrage lautet deshalb nicht: Was lässt sich virtuell darstellen? Sie lautet: Was muss physisch vorhanden und spürbar sein, damit die Trainingsaufgabe sinnvoll funktioniert? REISER bringt diese Abwägung in die Entwicklung ein. Manche Elemente müssen greifbar, bedienbar und haptisch erfahrbar sein. Andere lassen sich virtuell flexibler und wirtschaftlicher abbilden.

Nicht XR statt Full Flight, sondern das passende Medium

Mixed Reality ist kein Ersatz für jedes andere Trainingsgerät. Ein Full Flight Simulator bleibt dort wichtig, wo eine umfassende Kombination aus Flugverhalten, Systemen, Bewegung und Trainingstiefe erforderlich ist. XR kann seine Stärken bei Aufgaben ausspielen, die reale Interaktion, flexible Szenarien und eine große visuelle Umgebung verbinden. FTDs, FNPTs, Avioniktrainer und digitale Medien ergänzen weitere Lernschritte.

Die Frage lautet damit nicht mehr „XR oder Full Flight Simulator?“. Sie lautet: Welche Kombination von Trainingsgeräten führt zum gewünschten Lernergebnis? Dieser Perspektivwechsel schafft mehr Gestaltungsspielraum - und verlangt zugleich eine präzisere Planung von Trainingsaufgaben, Fähigkeiten und Nachweisen.

Auch der regulatorische Rahmen entwickelt sich in diese Richtung. EASA CS-FSTD Issue 1 beschreibt Simulatoren stärker über konkrete Fähigkeiten und deren Ausprägung. Für neue Simulatoren wird diese neue Qualifikationslogik ab dem 30. April 2028 relevant. Damit wird es noch wichtiger, Trainingsziel, Simulationsfähigkeit und Qualifikation von Anfang an zusammenzudenken.

Trainingsmedien im Überblick

Full Flight Simulator

Umfassende Kombination aus Flugverhalten, Systemen, Bewegung und Trainingstiefe. Teuer, aufwendig in der Infrastruktur und nicht beliebig schnell verfügbar.

Rein virtuelle Lösungen

Leicht skalierbar, Szenarien flexibel abbildbar. Je nach Ausprägung ohne physische Interaktion, haptisches Feedback oder realistische Crew-Zusammenarbeit.

Mixed Reality

Physisches Cockpit mit realen Bedienelementen, über ein Head-Mounted Display erweitert um virtuelle Außenwelten und flexible Trainingsszenarien.

FTD, FNPT, Avioniktrainer, digitale Medien

Ergänzen weitere Lernschritte im Training Ecosystem.

Vom Einzelgerät zum Training Ecosystem

Die Zukunft des Aviation Trainings liegt deshalb nicht in einem einzigen Gerät. Sie liegt in einem Training Ecosystem, in dem unterschiedliche Medien, Inhalte, Daten und administrative Prozesse zusammenarbeiten. Ein Simulator kann mit anderen Geräten vernetzt werden. Trainingsinhalte lassen sich über gemeinsame Systeme organisieren und Lernfortschritte messbar machen. Szenarien können dort stattfinden, wo die jeweilige Trainingsaufgabe den größten Nutzen erzielt.

Damit verschiebt sich der Fokus in drei Richtungen: von statischem zu anpassbarem Training, von zentralen Einzelstandorten zu verteilten Trainingsmöglichkeiten und von isolierten Geräten zu miteinander verbundenen Bausteinen. Skalierbarkeit entsteht nicht einfach dadurch, dass mehr Hardware angeschafft wird. Sie entsteht durch ein Konzept, in dem die einzelnen Bausteine sinnvoll zusammenspielen.

Technologie braucht einen sicheren Rahmen

Für Martin Keil ist technologische Entwicklung deshalb kein Selbstzweck. Neue Trainingsmedien müssen sich an ihrem Beitrag zur Sicherheit und zum Lernergebnis messen lassen. Sie müssen zuverlässig funktionieren, in bestehende Abläufe passen und die jeweiligen Anforderungen an Qualifikation und Nachweis erfüllen.

Das gilt besonders in einer Branche, in der technische Innovation und Regulierung eng miteinander verbunden sind. Ein Trainingsgerät ist erst dann wirklich zukunftsfähig, wenn es nicht nur neue Möglichkeiten verspricht, sondern im Ausbildungsalltag belastbar eingesetzt werden kann.

Der Weg zu „happy and confident pilots“ führt damit nicht über eine einzelne Technologie. Er führt über Trainingsziele, passende Medien und eine Umgebung, in der Menschen, Systeme und Prozesse zusammenwirken. Mixed Reality ist ein wichtiger Baustein davon - aber der eigentliche Fortschritt liegt in der Fähigkeit, Training als zusammenhängendes System zu denken.

Martin Keil, CTO

Martin Keil

Chief Technology Officer, REISER Simulation and Training

Als CTO beschäftigt sich Martin Keil damit, wie Trainingssysteme mit dem Wandel in der Luftfahrt Schritt halten.

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